Plötzlich Hausfrau

Was für eine Überschrift. Im ersten Moment kann ich gar nicht glauben, dass diese Überschrift zu einem Beitrag von mir gehört. Aber genauso ist es. Vor einem Jahr hätte sich das keiner träumen lassen, was da auf uns zukommt. Ich hätte mir nie vorstellen können, wie die Situation jetzt aussieht oder auch in den letzten Monaten. Schon mein ganzes Berufsleben, bis auf eineinhalb Jahre, bin ich selbstständig tätig. Ich habe immer gearbeitet, konnte immer für meinen Lebensunterhalt sorgen.

Natürlich hat sich meine Situation vor zwei Jahren mit der Geburt meiner Tochter ein bisschen geändert. Fast zeitgleich habe ich auch noch die Atelierbühne gegründet. Da ist es einerseits die Investition und andererseits die Herausforderungen, für jemand anderen mitverantwortlich zu sein. Wenn man sich eine Waage vorstellt, dann hat sich in dieser Zeit das finanzielle Gleichgewicht verlagert. Es wurden ein paar schwere Gewichte auf die Seite meines Mannes geworfen. Als Arbeitnehmer mit festem Einkommen bietet er eine Stabilität, die ich in der Selbstständigkeit nicht habe.
Und dann kam auch noch Corona. Das hat dann die Waage umgehauen und das Gleichgewicht vollkommen zerstört. Zum Glück hat mein Mann durch die Pandemie beruflich keine Einschränkungen, außer, dass er die meiste Zeit im Homeoffice arbeitet. Nun befinde ich mich allerdings in einer Branche, die praktisch ein Berufsverbot auferlegt bekommen hat.
Ach, man sieht das nicht beim Schreiben, aber ich muss grade vor lauter Absurdität lachen. Ich hätte nie gedacht, dass ich einmal an einen Punkt kommen, wo mir untersagt wird, meinen Beruf, meine Leidenschaft auszuüben. Aber das konnte sich wohl niemand vorstellen.

In dieser Lage war es selbstverständlich, dass, wenn streckenweise die Kinderbetreuung wegfällt, ich das übernehme. Und am Anfang war das kein Problem für mich. Ich wollte meinem Mann den Rücken freihalten, denn er musste nun den Lebensunterhalt alleine bestreiten. Die ersten Wochen war das für mich kein Problem. Außer die gut gemeinten, aber völlig deplatzierten und verletztenden Kommentare von außen waren es:

„Jetzt kannst du die Zeit mit deiner Tochter genießen.“
„Du kannst froh sein, dass du dein Mann so einen guten Job hat.“
„Wie lange willst du denn das mit dem Theater noch machen? Die Perspektive ist ja nicht so rosig.“

Was sollte das? Mir fehlen selten die Worte. Aber in diesen Situationen war ich sprachlos. Ich kann immer noch nicht fassen, wie woher Menschen das Recht nehmen, andere Leben zu beurteilen. Das habe ich mitgenommen und mich selbst oft hinterfragt? Habe ich das auch schonmal gemacht? Bestimmt. Ohne es zu merken. Das wird mir hoffentlich nicht so schnell wieder passieren.

Nun dauert die Pandemie schon ein Jahr. Ein Jahr. Unglaublich. In dieser Zeit war ich hauptsächlich Hausfrau. Das kam für mich vorher nie in Frage. Ich habe wenige Wochen nach der Geburt wieder auf der ersten Probe gesessen, natürlich mit Kind und Mann. Der hat sich wunderbar gekümmert und es funktioniert nur, wenn beide da an einem Strang ziehen. Das war für mich die perfekte Lösung. Ich habe es geliebt. Die Kleine war entspannt, es funktionierte wunderbar.
Für mich war klar, dass ich arbeiten möchte und dass das zu mir gehört und dass ich nur ich selbst bin, wenn ich auch meiner Arbeit nachgehe. Die gehört einfach zu mir. Und plötzlich war das weg. Da bleibt eine Lücke. Manchmal hatte ich das Gefühl, meine Daseinsberechtigung wurde mir genommen. Was vollkommener Quatsch ist, aber so fühlte sich das an. Und zurück blieb eine Rolle, die ich nicht haben wollte, gegen die ich mich immer gewehrt habe.

Ich möchte hiermit niemanden vor den Kopf stoßen. Aber ich bekam ein Rolle, die ich nicht selbst und aus freien Stücken gewählt habe. Das wäre dann wieder eine andere Situation. Mein Lebensentwurf sieht einfach anders aus. Ich liebe meine kleine Familie. Und ich liebe meinen Beruf. Ich liebe es Zeit mit meiner Tochter und meinem Mann zu verbringen und liebe es zu arbeiten. Das eine schließt doch das andere nicht aus.

Schnell wusste ich, dass ich wieder etwas tun muss. Ich war in dieser neuen Rolle einfach nicht glücklich. Ich war frustriert, wehrte mich innerlich gegen die täglichen Aufgaben. Die Unzufriedenheit wurde immer größer. Doch was sollte ich tun? Wie sollte ich das rechtfertigen? Komisch, dass gleich solche Gedanken auftauchen.

Doch an irgendeinem Punkt ging es nicht mehr so weiter. Abends habe ich mich mit meinem Mann hingesetzt und ihm gesagt, wie ich mich fühle. Dass das so nicht weitergeht. Dass ich versuchen muss, wieder in einen Arbeitsalltag zu finden. Dass ich Konzepte entwickeln möchte, einiges ins Digitale zu übertragen. Dass ich meine Arbeit brauche. Dass ich Zeitfenster zum Arbeiten brauche, auch wenn das vielleicht jetzt noch kein Geld in die Kasse bringt. Ich musste mir das Recht selbst nehmen, es einfordern. Denn es kommt niemand, der es dir gibt. Das geht meist im Alltag unter.
Ich muss mir Freiräume schaffen. Natürlich muss ich das besprechen. Wie ist das umsetzbar, wo sind Zeitfenster? Und ich musste zulassen, dass das wichtig für mich ist. Und nicht sagen, ach, heute geht es schon. Ich mach das doch wann anders. Oder, dass das nicht so wichtig ist. Doch, das ist es.

Ich bin wichtig und du bist es auch.

Meine Zeitfenster habe ich vermehrt ins Wochenende gelegt. Und natürlich habe ich dann auch zeitweise gezweifelt, denn das ist doch die gemeinsame Familienzeit. Aber sind wir mal ehrlich. Wir hingen die letzten Monate sehr viel aufeinander. Das war meist auch keine entspannte Familienzeit, sondern eher eine Mischung aus Homeoffice, Chaos und Frustration.

An irgendeinem Punkt musste ich diesen Kreislauf durchbrechen. Manchmal nehme ich mir abends noch eine Stunde, anstatt kraftlos vor dem Fernseher zu sitzen. Sich nochmal aufraffen. Ich setze mich hin und fange an und dann geht es Stück für Stück. Vielleicht geht es erstmal nur ne halbe Stunde, dann geht‘s vielleicht etwas länger. Was es genau ist, das spielt keine Rolle. Ich habe beispielsweise Dinge erledigt, die im Alltagsgeschäft meist liegengeblieben sind. Homepage überarbeitet, Buchhaltung in Ordnung gebracht, neue Angebote konzipiert. Und ich habe geschrieben. Das Schreiben hat mich gerettet. Vielleicht gibt es da noch einmal einen separaten Beitrag, ist ein abendfüllendes Thema. Auf jeden Fall hat es mir Kraft gegeben, einen Antrieb gegeben, weiterzumachen. Die Poesie war da genau das Richtige für mich. Jeden Tag etwas Kleines erschaffen. Etwas abzuschließen, wieder etwas zu tun. Am Ende des Tages ein Ergebnis in den Händen zu halten. Das habe ich heute geschafft. Das gab mir wieder die Motivation zurück.

Und andererseits musste ich wieder mehr Mitarbeit im Haushalt von meinem Mann fordern. Das fand ich schwer, denn irgendwie war das ja auch jetzt mein Job, meine Aufgabe. Er musste ja seinen Vollzeitjob wuppen. Aber das musste er vorher auch. Und da haben wir beide voll gearbeitet und wir haben uns die Aufgaben zu Hause geteilt. Mir war klar, wenn ich wieder ins Arbeiten kommen will, dann müssen wir auch hier langsam zu dem zurück, was wir hatten. Und siehe da, es funktioniert Stück für Stück. Noch nicht jeden Tag, aber immer ein bisschen mehr. Und ich habe es geschafft, mein Business wenigstens in Teilen auf das Digitale zu übertragen und nähere mich, wenn auch nur langsam, wieder einem normaleren Arbeitsleben. Ich sehne so sehr den Tag herbei, an dem mein kleines Theater wieder öffnen kann. Ich gebe die Hoffnung nicht auf, dass ich es schaffen kann, diesen Ort zu erhalten. Dass wir es schaffen können. Wir als Familie.

Ich möchte dich ermutigen, wieder den eigenen Impulsen zu folgen. Hör auf dich und finde das, was dir guttut. Nimm dir Zeit für dich, auch wenn du zwischendurch das Gefühl hast, du hast nicht das Recht dazu. Doch, das hast du.

Und ich weiß, wovon ich rede. Mein letztes Jahr war sehr durchwachsen und phasenweise ging es mir wirklich schlecht. Ich konnte mich kaum aufraffen. Geh an die Luft, geh spazieren, such dir etwas, dass du für dich tust, dass dir das Gefühl gibt, du kannst wieder etwas schaffen. Bei mir war es jetzt halt das Schreiben. Damit habe ich mir wieder was zurückgeholt. Das Wissen, dass ich wertvoll bin, dass ich etwas leisten kann, dass egal, was drum herum passiert, es wichtig ist, dass ich etwas tue.

Hör auf dich und tu das, was dir gerade guttut. Und nimm dir den Raum dafür.

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